Aortenaneurysma behandeln – EVAR und TEVAR in Zürich

Ein Aortenaneurysma ist wie ein Ballon, der sich langsam an der grössten Schlagader des Körpers bildet – still, ohne Symptome, über Jahre. Bis es reisst. Eine Aortenruptur ist einer der wenigen echten chirurgischen Notfälle mit einer Sterblichkeit von über 80 %, wenn sie nicht in kürzester Zeit behandelt wird. Die endovaskuläre Aortenreparatur (EVAR und TEVAR) hat die Behandlung dieses Krankheitsbildes revolutioniert: Statt eines langen Bauchschnitts genügen heute zwei kleine Löcher in den Leistenarterien.

Was ist ein Aortenaneurysma?

Die Aorta – die Hauptschlagader des Körpers – hat beim gesunden Erwachsenen einen Durchmesser von ca. 2 cm im Bauch und 2,5–3 cm in der Brust. Von einem Aneurysma spricht man, wenn sich ein Gefässabschnitt auf mehr als das 1,5-Fache seines normalen Durchmessers ausweitet. Die Wand wird dünner, die Wandspannung steigt, das Rupturrisiko wächst exponentiell mit dem Durchmesser.

Die wichtigsten Krankheitsbilder:

  • Bauchaortenaneurysma (BAA / AAA): Häufigste Form, betrifft vor allem Männer über 65 mit arteriosklerotischen Risikofaktoren (Rauchen, Hypertonie). Ab 5,5 cm Durchmesser ist das Rupturrisiko klinisch relevant.
  • Thorakales Aortenaneurysma (TAA): Aneurysma der Brustaorta. Häufig asymptomatisch, kann Schmerzen, Heiserkeit oder Schluckbeschwerden verursachen.
  • Aortendissektion: Ein Einriss in der inneren Wandschicht der Aorta lässt Blut zwischen die Schichten fliessen – lebensbedrohlich. Typ B (absteigende Aorta) kann endovaskulär behandelt werden.

Die endovaskuläre Behandlung – EVAR und TEVAR

EVAR (Endovascular Aortic Repair) bezeichnet die endovaskuläre Reparatur der Bauchaorta; TEVAR (Thoracic EVAR) die der Brustaorta. Das Prinzip ist bei beiden identisch: Eine Endoprothese – ein gefaltetes Metallgitter-Röhrchen mit Gewebehülle (Stentgraft) – wird über Katheter durch die Leistenarterien in die erkrankte Aorta eingebracht und dort entfaltet. Die Prothese übernimmt die Funktion der geschwächten Aortenwand und schliesst das Aneurysma vom Blutfluss aus.

Ablauf Schritt für Schritt

Planung und Bildgebung

Vor dem Eingriff wird eine hochauflösende CT-Angiographie der Aorta durchgeführt. Daraus erstellen wir ein dreidimensionales Modell, das exakt zeigt, welche Prothesengrösse und -konfiguration benötigt wird. Jede Endoprothese wird auf Basis dieser Planung individuell bestellt – eine massangefertigte Lösung.

Vorbereitung

Vollnarkose oder Spinalanästhesie. Nüchternheit (6 Stunden). Antibiotikaprophylaxe. In der Regel stationär 2–3 Tage.

Zugang

Zwei kleine Hautschnitte (ca. 3–5 cm) in beiden Leisten ermöglichen den Zugang zu den Leisten­arterien. In den meisten Fällen kann der Eingriff rein perkutan (ohne chirurgischen Schnitt, nur mit Nahtsystemen) durchgeführt werden.

Einführung und Navigation:

Über Führungsdrähte werden die Einführsysteme (ähnlich dicken Strohhalmen, ca. 18–22 French = 6–7 mm) durch die Leistengefässe, die Beckenarterien und bis zur Aorta vorgeführt. Unter Durchleuchtung (Fluoroskopie) wird die korrekte Position im Zielaortensegment bestätigt.

Absetzen der Endoprothese

Die gefaltete Prothese wird in einem Kathetersystem bis zur Zielposition gebracht und dann kontrolliert entfaltet. Bei EVAR handelt es sich typischerweise um eine Y-förmige Bifurkationsprothese, die das gesamte Aneurysma ausschaltet und gleichzeitig beide Beckengefässe versorgt. Bei TEVAR wird eine gerade oder leicht konische Rohrprothese eingesetzt.

Ballon-Modellierung

Nach dem Absetzen wird ein grosser Ballon innerhalb der Prothese aufgeblasen, um eine optimale Anlage der Prothese an die Aortenwand sicherzustellen. Dies minimiert das Risiko von Endoleaks (Blutlecks um die Prothese).

Abschlusskontrolle

Eine Abschlussangiographie bestätigt, dass das Aneurysma vollständig ausgeschaltet ist, die Prothesenschenkel offen sind und keine Endoleaks vorliegen.

Dauer

1,5–4 Stunden je nach Komplexität.

Nach dem Eingriff

Überwachung für 1–2 Nächte. Mobilisation am nächsten Tag. Nach 2–4 Wochen ist die überwiegende Mehrheit der Patienten wieder vollständig aktiv.

EVAR und TEVAR werden bei der IRZ in enger Zusammenarbeit mit dem Gefässchirurgenteam des Vaskulären Zentrums Zürich (VZZ) durchgeführt. Nach dem Beratungsgespräch erhalten Sie ein detailliertes Patienteninformationsblatt.

Was sagt die Wissenschaft?

  • EVAR-1 Trial (Greenhalgh et al., N Engl J Med, 2010; 1252 Patienten): Die 30-Tages-Sterblichkeit nach EVAR war mit 1,8 % deutlich geringer als nach offener Operation (4,3 %). Über 8-10 Jahre ist das Gesamtüberleben vergleichbar – EVAR bietet somit kurzfristig einen klaren Vorteil, langfristig gleichwertige Ergebnisse.
  • ACE-Trial (Becquemin et al., Lancet, 2011): EVAR zeigte eine signifikant niedrigere perioperative Komplikationsrate und kürzere Hospitalisation. Patienten mit hohem Operationsrisiko profitieren besonders.
  • TEVAR bei Typ-B-Dissektion: Eine Metaanalyse (Mussa et al., JAMA, 2016) zeigt eine 30-Tages-Sterblichkeit von 2,6 % für TEVAR vs. 11,7 % für offene chirurgische Therapie – ein dramatischer Vorteil.
  • Langzeit-Reinterventionsrate: EVAR erfordert häufigere Nachsorge-Eingriffe als offene OP (ca. 20 % über 10 Jahre). Moderne Endoprothesen der neuesten Generation zeigen deutlich verbesserte Haltbarkeit.
  • Leitlinienempfehlung: Die European Society for Vascular Surgery (ESVS, 2019) und die Society for Vascular Surgery (SVS, 2018) empfehlen EVAR als bevorzugte Methode für anatomisch geeignete Patienten mit BAA ≥ 5,5 cm.

Für wen geeignet – für wen nicht?

Geeignet
  • BAA ≥ 5,5 cm (Männer) / ≥ 5,0 cm (Frauen) oder rasch wachsendes Aneurysma (> 1 cm/Jahr)
  • Symptomatisches oder gedeckt rupturiertes Aneurysma (Notfall-EVAR)
  • Typ-B-Aortendissektion mit Komplikationen
  • Patienten mit erhöhtem Operationsrisiko (kardiopulmonal, hohes Alter)
NICHT ODER EINGESCHRÄNKT GEEIGNET
  • Ungünstige Aortenhalslänge (<10 mm) oder starke Angulation der Aortenhals (kann technisch anspruchsvoll sein – Fenestrierter oder Branched EVAR eine mögliche Lösung; individuelle Beurteilung)
  • Schwere Niereninsuffizienz (Kontrastmittelbelastung – alternative Planung)
  • Nicht kontrollierbares Infektionsgeschehen

FAQ – Aortenaneurysma

Die allgemeinen Leitlinien empfehlen eine Behandlung ab einem Durchmesser von ≥ 5,5 cm bei Männern und ≥ 5,0 cm bei Frauen, oder bei raschem Wachstum (> 1 cm/Jahr). Kleinere Aneurysmen werden regelmässig überwacht.

Nach EVAR sind lebenslange Bildgebungskontrollen notwendig: üblicherweise CT oder Ultraschall nach 1 Monat, dann je nach Risikoprofil jährlich oder erst nach mehreren Jahren. Ziel ist die Überprüfung, ob die Prothese korrekt sitzt und ob sogenannte «Endoleaks» (Blut, das noch ins Aneurysma fliesst) auftreten.

Kurzfristig ja: Die perioperative Sterblichkeit ist bei EVAR deutlich geringer (ca. 1,8 % vs. 4,3 % in grossen Studien). Langfristig über 10 Jahre sind die Überlebensraten vergleichbar. EVAR erfordert jedoch häufigere Nachsorgeuntersuchungen und gelegentlich Folgeeingriffe.

Ein Endoleak bedeutet, dass Blut trotz Prothese noch in den Aneurysmasack fliesst. Es gibt verschiedene Typen – manche sind harmlos und bilden sich spontan zurück, andere müssen behandelt werden (meist erneuter Kathetereingriff). Die jährliche Bildgebung ist deshalb essentiell.

Nach EVAR oder TEVAR erfolgt eine stationäre Überwachungsphase. Nach der Entlassung sind leichte Schmerzen an den Einstichstellen normal.

Bitte kontaktieren Sie uns oder die Notaufnahme umgehend bei:

⚠ Plötzlich starken Rücken-, Flanken- oder Bauchschmerzen (mögliche Endoleak-Komplikation oder Ruptur – Notfall)

⚠ Verlust der Durchblutung in den Beinen (Kälte, Blässe, Schmerzen)

⚠ Fieber über 38,5 °C

⚠ Grossen Blutergüssen oder Schwellung in den Leisten

Wissenschaftliche Referenzen
  • Greenhalgh RM et al. Endovascular versus open repair of abdominal aortic aneurysm (EVAR-1). N Engl J Med. 2010;362:1863–1871.
  • Becquemin JP et al. A randomized controlled trial of endovascular aneurysm repair versus open surgery (ACE Trial). Lancet. 2011;377:1827–1834.
  • Mussa FF et al. Acute aortic dissection and intramural hematoma: systematic review. JAMA. 2016;316(7):754–763.
  • Wanhainen A et al. ESVS 2019 clinical practice guidelines on management of abdominal aorto-iliac artery aneurysms. Eur J Vasc Endovasc Surg. 2019.
  • Chaikof EL et al. SVS practice guidelines for the care of patients with an AAA. J Vasc Surg. 2018;67(1):2–77.

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